Paraffinbilder / Serie Lichttempel

Katalog Lichttempel von 2009 , Text von Peter Joch, Kunsthalle Darmstadt

Auf nächtlichen Autofahrten sind Tankstellen unübersehbare Landmarken, unwiderstehliche Hingucker, die den Blick wie magisch anziehen. Betritt man diese gleißenden Glashäuser, überschütten sie einen mit hartem Licht aus flimmernden Neonröhren oder scharf fokussierenden Halogenstrahlern. Sie lassen jeden Besucher blaß aussehen, sind für das Auge nur schwer zu ertragen. In seinen Notturni mit Tankstellen nimmt Johannes Kriesche diese wer--be-wirksame Reizüberflutung programmatisch zurück, zeigt abgedämpfte Bilder von Bildern: Er malt nach Fotografien und überdeckt die Gemälde mit einer zentimeterdicken Schicht Paraffin. Es entsteht ein abgeschattetes Nachtreich, das sich der Erfassung entzieht. Aus harten Kontrasten werden sfumatisch verschliffene Nuancen, die wieder einen ‚unverblendeten‘ Blick gestatten. Die Kunst erobert sich so das Reich des freien Sehens zurück. 

 

Die aufdringlich inszenierten Lichtgehäuse verwandeln sich in auratisch schimmernde, uneindeutige Gebilde, die zuzeiten an heilige Schreine oder schwebende Raumschiffe denken lassen. So nutzt Johannes Kriesche die profanen „Tempel“ der Neuzeit, um die Nacht als Zeit der Rätsel und Geheimnisse erscheinen zu lassen, sie ohne jedes Pathos wieder zu romantisieren. Durch die Paraffin-Schicht markiert er wortwörtlich eine kreative Distanz zur grellen Konsumwelt. Gleichzeitig reflektiert er mit der Sichtbarriere aus halbtransparentem Material die subjektive, jeder Wahrnehmung vorgelagerte Blende, die Künstler wie Betrachter gleichermaßen bestimmt. Mit seinen Nachtstücken antwortet Johannes Kriesche auch den berühmten Ikonen der Alltäglichkeit des amerikanischen Künstlers Edward Hopper. Hopper übersteigert die blendende Architektur der Metropolen, inszeniert Bars, Cafés und Tankstellen als überbelichtete Vitrinen, in denen Menschen ihre Einsamkeit und Bezugslosigkeit zur Schau stellen. Kriesche wiederum widersetzt sich mit seinem Reich der Zwischentöne symbolträchtig dem ‚Lichtzwang‘ der Städte.

 

Neben den Tankstellen verarbeitet Johannes Kriesche in seinen Paraffin-Bildern weitere Motive zum Thema Automobil, präsentiert zum Beispiel Autohäuser, „Car-Wash“-Paläste oder - in „Lichttempel 31 - Unterm Rad“ das neugestaltete BMW-Museum in München. Auch hier entzieht sich die Architektur dem forschenden Blick und wird ihrer Funktionstüchtigkeit enthoben. Bei diesem Transfer spielt das Paraffin eine symbolische Rolle. Das Material wird aus Öl, aus sogenannten Schmierölschnitten, gewonnen. Aus dem Öl als Basis des Treibstoffs, den die gleißenden Tankstellen verkaufen und der in wörtlichem Sinne Bewegungsmoment des Alltags ist, wird ein bildkünstlerisches Verfahren der Verunklärung und der kognitiven Verlangsamung. Genauso wie die gezeigte Architektur wird so auch das Öl seiner alltäglichen Funktion enthoben und erhält eine neue Bedeutung jenseits aller üblichen Zwecke....

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Lichttempel Herzebrock, 2012, Paraffin/Leinwand/Holz, 100 x 135 cm

Lichttempel 56, 2015, Paraffin auf Leinwand auf Holz, 60 x 140 cm

 

Lichttempel 55, 2015, Paraffin auf Leinwand auf Holz, 60 x 140 cm

 

Lichttempel, 2008, Paraffin auf Leinwand auf Holz,je 60 x 115 cm

Sammlung Kypta, Offenbach

Nachtfahrt 2, 2004, Paraffin auf Leinwand, 

drei-teilig, je 50 x 62 cm

Unterm Rad, 2009, drei-teilig, 2009, Paraffin auf

Leinwand auf Holz, je 60 x 80 cm

Lichttempel Peakoil, 2011, Paraffin auf Leinwand, 45 x 50 cm

Lichttempel 28 losgelöst, 2008, Paraffin auf 

Leinwand auf Holz, 60 x 80 cm

MACHT-Engel, 2008, Paraffin auf

Leinwand auf Holz, 60 x 80 cm

Losgelöst, 2008, Paraffin auf Leinwand auf Holz, 80 x 60 cm

Lichtburg 1, 2001, (sechs-teilig),

Paraffin auf Leinwand, 57 x 116 cm

Lichtburg 2, 2001, (fünf-teilig), Paraffin auf Leinwand, 76 x 110 cm

Aus der Zeit, 2001,( sechs-teilig), Paraffin auf Leinwand, 60 x 110 cm

was wäre wenn, 2001, (fünf-teilig), Paraffin auf Holz, 90 x 100 cm

Bewegungsinn, 2000,( 12-teilig), Holz/Plexiglas/Paraffin/Elektromotoren, 230 x 450 cm

Details: Bewegungsinn

Film über die Ausstellung im Schloss Wolkersdorf bei Wien, 2013