Katalogtext  Nachtfahrt von Dorothee Baer-Bogenschütz --  1.Preis Offenbacher Löwe -- 2005

Ins Schwarze

„Unsere Welt, so wie sie nachts erscheint, birgt viel mehr Geheimnisse“: Im Werk von Johannes Kriesche gibt es gegenwärtig drei zentrale Ebenen, zwischen denen er bezwingende Verbindungen herstellt. Die nächtliche Straße, die Travestie, die Tiefsee. Regionen voller Ambiguitäten. Überall dort regiert das Uneindeutige. So ein gewisses Weltvergessen und Wegtauchen. Doch ist das Dunkel nicht auf Dauer düster. Es ist durchsetzt mit Licht. Es irrlichtert. Im Verborgenen geschehen die seltsamsten Dinge. Sensationen am Meeresboden etwa. So hat das Venusblumenkörbchen (Euplectella), ein Tiefseeschwamm im bestrickenden Lochmuster-Look, mit seinem Stützskelett aus Silikatglas die Fähigkeit - wie Wissenschaftler unlängst herausgefunden haben -, das Licht besser zu leiten als bestimmte Glasfasern.

 

Für uns bleibt der Lichtspielzauber im Nanobereich blanke Vorstellung. Jene Gefilde verweigern sich unserer Anschauung. Dafür funkelt die Phantasie. Wie im Tierkreiszeichen der Fische ohnehin immerzu und in fast unanständigem Maße. Kriesche, den dieses Zeichen prägt, muss seine Bilder bändigen wie die Tiger. In einer maßlos ausufernden Welt des Halbschattens findet er Motive in jedem Winkel. Sieht er mehr als andere? Wie besessen, und von den „Schätzen der Schönheit“ erregt wie der Jenaer Forscher-Philosoph Ernst Haeckel, der die „Kunstformen der Natur“ in 45 Reisejahren entdeckte und „zeichnend und malend tiefer in das Geheimnis ihrer Schönheit einzudringen“ suchte, produziert er „Seestücke“ und „Unterwassergeflüster“, „Engel der Nacht“, „Leda“ und „Liebesgeschichten“. Kurz: Kriesche verfolgt das ganze ewige „Hinauf und Hinunter“. Man kann sich seiner Kunst intuitiv nähern, über die Wissenschaft oder auf der holprigen Straße jenes dramaturgisch unklaren Roadmovie, auf der jeder sein eigenes kleines dummes Leben abspult.

 

Es war eine einsame Nachtfahrt. Es geschah: Überhaupt nichts. Die Zeit, dein Feind? Hier nicht. Wieso auch. Es gab nichts zu verpassen. Die Straße der Stille war endlos. Der Wagen glitt durch die Wüstennacht ohne jeden Schimmer - die reinste Ursuppe. Tintenfischig. Es gab kein Entkommen aus den Fängen dieser Monsterkrake. Kein Fahrzeug konnte einem entgegenkommen. Woher sollten denn die Menschen auch kommen? 300 Kilometer, 400 Kilometer ging es erbarmungslos geradeaus. Kein Laut, keine Siedlung, kein Lichtschein. Nicht einmal eine Tankstelle. Die Nachtfahrt, abgeschottet von allem, ist im Outback ein sehr gespenstischer Trip. Was, wenn du liegen bleibst? Wie geht es dann weiter? Einfach nicht daran denken. Die Cruise Control macht das schon. Jetzt einmal wirklich nichts denken. Ein wenig träumen, na gut, ohne dabei einzuschlafen, wenn das denn geht. Und schließlich, für einen Augenblick, anhalten. Aussteigen, egal wo. Das Kreuz des Südens im Nacken spüren. Die Glieder strecken und hinaufschauen. Den Tintenfisch erledigt jetzt der Sternenbaldachin mit seinem blitzenden Diamantenlicht. Man möchte sich schon verlieren im wüstenhaften Wahnsinn. Gottlob hat er ein Limit. Irgendwo ist wieder Wasser.

Der Savannah Way, auf dem wir uns befinden, ist eine der einsamsten Routen der Welt. Sie führt quer durchs nördliche Australien. Bei Tag empfindet man es nicht so, nachts jedoch ist die Verlassenheit total. Von Coast to Coast, von Cairns im Osten über Darwin - nach Charles Darwin benannt, als noch nicht einmal dessen Hauptwerk erschienen war - , zieht sie sich bis nach Broome im Westen, Perlenfischerkapitale von einst. Das Städtchen schimmert noch immer. Der Tidenhub ist extrem, der Mond hat die Macht.

Die Fahrt zur Westküste wirkt lange nach. Unverwischbar die Eindrücke jener Strecken, wo das ABC mit Andacht anfängt und auf Zapfsäule hinausläuft. Doon Doon Roadhouse oder Willare Bridge heißen die Anlaufstellen für heiße Reifen. Die Tankstellen sind das Zentrum jeder Bewegung. Sie sind Versorgungsstation, Coffee Shop und Notlager, mitunter gibt es ein paar Betten.

„Tankstellen“, sagt Johannes Kriesche, „das sind Tempel unserer Zeit“. Lichttempel nennt er sie. Sie strahlen in der Nacht und portionieren die Nachtfahrt, die er gleichnishaft begreift. Wer durch die leeren Gegenden reist - „dort ist es so still, dass man den eigenen Puls hört“, sagt Kriesche -, erlebt sie als verheißungsvolle Bastionen der Zivilisation. Solche Servicestationen sind die Leichtbau-Chiffre der Geborgenheit in der entgrenzten Landschaft.

Im wahren Leben sind sie, was das Kino noch betont. Ein Umschlagplatz für Gefühle und Gemeinheiten. Hier spielen elegische Roadmovies ebenso wie Krimis. Die Tankstelle ist immer gut für den Showdown. Legende, jene Streifen, in denen er zwischen Zapfsäulen stattfindet. Selten geht es so heiter zu wie in „Die drei von der Tankstelle“. Häufiger als ein Heinz Rühmann stoppen die Gauner. Kerle vom Clint Eastwood-Kaliber. Der tankt noch mal voll und raubt dann die Bank aus. Tankstellen sind perfekt für Verschwörungen und konspirative Treffen - genau wie mittelalterliche Raubritterburgen.

Solche Lichtburgen - auch ihnen widmet Kriesche eine Werkgruppe - sind wie die Lichttempel Etappenziele. Orientierungspunkte in der Finsternis. Der Unterschied: Auf den Burgen verschanzt man sich. Die Tankstelle ist das Symbol für das Transitorische. Hier laufen der Durst des Fahrers und seiner Maschine auf wie die Mücken, bevor sie im Lichtkegel verenden. Hier bleibt keiner lang. Nach dem Auftanken richtet sich die Perspektive wieder auf den Horizont. Ganz gleich, was das Barrel Rohöl gerade kostet. Wir wollen alle weiter.

Zwischen den Polen des Hier und Dort schillert das Oeuvre von Johannes Kriesche. Energiequellen sind für ihn ein Hauptthema. Er arbeitet mit Wachs, einem Abfallprodukt der Erdölraffinerie. Paraffin ist ein Nebenprodukt des Öls. Es wird gereinigt und aufgearbeitet. Vielen Arbeiten Kriesches verleiht es eine milchig-unergründliche Konsistenz. Je näher man herantritt an diese Bilder, desto undeutlicher und schemenhafter werden sie. Paradox? „Kunst macht eine gewisse Distanz aus“, sagt Kriesche. Und: „Wir selbst bestehen ja auch aus ganz vielen Schichten.“ Und die Drag Queens erst. Grelle Existenzen am Rand der gesellschaftlichen Akzeptanz, klappernde Flattergeschöpfe der Nacht, Pfauen der Menschengesellschaft. Dem Designbüro Gottes oder Darwins entschlüpft? Diesen Sommer haben so genannte Kreationisten und Ultradarwinisten durch ihren bis in die Kurie reichenden Zank die Evolutionslehre wieder ins Gerede gebracht, und es wurde - gut 150 Jahre nach Darwins Durchbruch - gefragt, ob der Schöpfer denn wirklich jede einzelne Kieselalge rekonstruiert haben könne. Für Kriesche sind die über evolutionsbiologische Schritte erklärbaren Meeresorganismen, die Medusen, Kalkschwämme oder Radiolarien, denen Haeckel ein Gesicht gab, zunächst einmal Beweis für ungeheuren Spielraum. Seine Serien Swanlike und Engel der Nacht kreisen um die zwittrige Existenz, die irrlichternde Transsexualität und den Fluch, immer schön sein zu müssen. Doch ist jeder Quadratmillimeter eine ästhetische Offenbarung? Das bleibt das Vorrecht der Meeresfauna. Drag Queens, meint Kriesche, der schon als Kind die „Vorstellung eines dritten Geschlechts“ faszinierend fand, führen einen „vergeblichen Kampf um unheimliche Schönheit.“ Immerhin bereichern uns die glamourösen Geschöpfe. „Wir sind ja in unserer Gesellschaft sehr unisex geworden“, bedauert Kriesche. Das männliche und das weibliche würden zu sehr vermischt. Anders etwa als bei den Aborigines oder den Massai, wo Differenzierungsmerkmale noch wichtig sind, weil das Ritual lebendig ist.

 

Die dramatis personae für Swanlike findet Kriesche „auf der großen Selbstdarstellerbühne Internet“. Er verfremdet gefundene Bilder und projeziert sie in Schwarzweiß scherenschnittgleich in ein farbstarkes Setting, das Kunstformen der Natur beleben. Kriesche betört ihr Mysterium, die Eleganz, Obskurität und Extravaganz von Einfachstorganismen und ihren Bauplänen, die er bei Haeckel kennengelernt hat, dem führenden Anhänger Darwins in Deutschland. Er begreift die Lebewesen als bizarres Gegenüber der selbstverliebten Transvestiten. Flankiert von Sphingen, Schminkkonsolen, surrealen Plastikblumen oder überdimensionierten Lippenstiften im Stil der Pop Art stehen sie für die narzisstische Selbstbetrachtung. Gespiegelt nennt Kriesche eine Bilderreihe aus dem Zwischenreich der Travestie.

Haeckels vor rund hundert Jahren erschienenes Tafelwerk, eine Bibel der Evolutionslehre und kürzlich neu aufgelegt, regt nicht zum ersten Mal einen Künstler an. Es galt frühzeitig als (Ornament-)Musterbuch. Der Vordenker, für den die Biologe mit ihrer „unerschöpflichen Fülle von wunderbaren Gestalten“ mit der Kunst verwandt war, und der sogar Politik als angewandte Biologie begriff und Begriffe wie Ökologie aufbrachte, gab Jugenstilkünstlern Impulse sowie unserer gebauten Umwelt, dem Kunsthandwerk und dem, was wir Interior Design nennen. „In seinem Werk finden sich“, sagt Kriesche, „grundlegende ästhetische Strukturen und Phänomene, die dahin führten, dass unsere Welt so aussieht, wie sie aussieht.“ Kriesche sieht Parallelen zum Mikrokosmos der Männer in Frauenkleidern: „Der Vergleich mit den Mischwesen aus der Unterwasserwelt ist für die Welt der Transvestiten ebenso legitim wie die Metapher der Schwäne, auch wenn das schon sehr verkitscht wurde.“

In Swanlike steckt die phantastischste Meeresfauna, im Unterwassergeflüster Korallen aus dem Roten Meer. Sie kommen aus dem Lexikon. Und auch die Bildideen zur Serie Nachtfahrt oder den Lichttempeln wurden nicht in den entlegensten Regionen Australiens geboren, sondern an einer einsamen Taunus-Tankstelle, die Kriesche als „etwas Sakrales“ empfindet. Vor seinen Bildern fragt der Betrachter: Was kommt, was geht, was vergeht, und was - ein Jahrhundert, bevor Kriesche geboren wurde, erschütterte Darwins „On the origin of species by means of natural selection“ den guten Glauben - bleibt zurück im Darwinschen Setzkasten?

 

Die Kunstformen der Natur, die Naturformen der Kunst oder „die große Künstlichkeit“, die für Kriesche „immer das beherrschende Thema“ war?

 

„Die Menschen wollen Kunst für die Ewigkeit“, sagt er, weil sie glauben, sie selbst sind gemacht für die Ewigkeit und nicht mehr von der Erde weg zu kriegen.“ Die Wahrheit? Die Morgenröte bringt sie an den Tag.